Was ist heilig?
Es ist Sonntag. Ein besonderer Tag. Ein heiliger Tag. Aber was heißt eigentlich „heilig“?
1. Was ist heilig?
Ich kannte einen Mann, der war der Inbegriff an Hilfsbereitschaft. Kein Mann großer Worte, aber umso größerer Taten. Er sah, wo Not war und packte mit an. Er dachte mit und organisierte im Voraus, was man selbst noch nicht mal auf dem Schirm hatte. Ein Mal brauchte ich Utensilien für eine Gruppenstunde. Ich hatte niemandem Bescheid gesagt. Doch als ich in den Gruppenraum kam, lagen sie da. Ich sagte zu ihm: „Du bist ein Heiliger!“ Er schaute beschämt zu Boden und sagte: „Nein. Nein, das bin ich nicht.“ Viel später erfuhr ich, dass er recht hatte. Ein schwerer Fehltritt wurde bekannt.
Was ist heilig?
Eine Frau klammert sich an ihrem Buch fest, versteckt sich dahinter. Ihr Kind kommt, will, dass sie ihm hilft. Sie schaut mit einem Auge neben dem Buch her und seufzt. „Du weißt, dass ich bis 16 Uhr lese. Danach helfe ich dir.“ „ABER MAMA“ jammert das Kind. „Nein Schatz. Meine Lesezeit ist mir heilig.“
Was ist heilig?
Diese zwei Bedeutungen von „Heiligkeit“ sind grundverschieden. Was ist also heilig? Ist es moralische Perfektion? Ist es das „das ist mir wichtig“? Und was hat beides miteinander zu tun?
Die Wortherkunft im Deutschen kommt von „heil“, also unversehrt. Etwas, das besonders geschützt wird und nicht angetastet werden darf. Auch die Bibel – und das wird einige verwundern – gebraucht das Wort in diesem Sinne: „Kadosh“ im hebräischen bedeutet „absondern, trennen, beiseite stellen“. So ist etwas Heiliges etwas Abgesondertes. Die Frau in meinem Beispiel hat sich ihre Lesezeit geheiligt. Sie hat sich eine Stunde des Tages erwählt und schützt sie besonders. Nichts darf diese Stunde antasten. Sie soll „heil“ bleiben.
2. Wie die Moral ins „heilig“ kommt
Man kann sich vieles absondern. Ich fragte euch neulich in einer Note danach:
Ich erhielt viele gute Beispiele: Gesundheit, Schlaf, Neugier, das Workout, Kinder, das Kajak, der Tee und die Zigaretten.
Ich bezweifle, dass Vincent Becker, Markus, Jay-Tii, syntaxevasion oder Karenina diese Dinge gewählt haben, weil sie perfekt sind. Und mit Sicherheit nicht, weil moralische Reinheit ihr Auserwähltes ziert. Es ist das einfache „für mich hat es eine besondere Stellung.“ Etwas, das nicht ist, wie alles andere.
Wie hat sich der Aspekt der Perfektion da hineingeschlichen? Was verleiht dem Wort „heilig“ diesen göttlichen Touch?
Naheliegenderweise Gott selbst. „Gott ist heilig“ heißt es.
Was könnte das anderes heißen, als dass Gott perfekt ist? Doch genau an der Stelle machen wir einen Fehler. Selbst hier heißt „heilig“ einfach nur abgesondert.
Wie bitte? Wovon ist Gott denn abgesondert?
Von allem!
Gott ist nichts gleich. Er ist eine eigene Kategorie. Kategorie 1: Die Erde, das Universum, schlicht alles Geschaffene. Kategorie 2: Gott.
Man kann es nicht vermischen. Man darf es nicht vertauschen. Wer jemals etwas Geschaffenes zu Gott erklärte, beging Götzendienst:
„Sie haben die Wahrheit über Gott verdreht und ihrer eigenen Lüge geglaubt. Sie haben die Schöpfung angebetet und ihr gedient und nicht dem Schöpfer. Ihm allein aber gebühren Lob und Ehre bis in alle Ewigkeit. Amen.“
Römer 1:25
Es ist, als schreibe ein Mann einen Brief an seine Geliebte. Die Worte darin zeugen von ihm. Seine Gedanken und sein Wesen hat er in den Brief hineingelegt. Doch wenn die Geliebte sich nun unsterblich in den Brief verlieben würde und nicht in den Mann und meinte, der Brief selbst sei nun ihr Geliebter, dann würde der Schreiber zurecht ihre Zurechnungsfähigkeit in Frage stellen.
Der Mann ist nicht sein Brief. Gott ist nicht seine Schöpfung. Er ist getrennt davon. Er ist heilig.
Und genau wie der Mann will Gott eines: Liebe. Warum? Weil er liebt. Er steht da und liebt seine Geschöpfe inniglich. Und er wünscht sich diese exklusive Verbindung. Deswegen heiligt er den Menschen für sich. Er gibt ihm eine besondere Stellung unter den Lebewesen. So tat er es auch mit der Erde. Sie hat eine besondere Stellung unter den Planeten.
Nun soll natürlich das, was Gott für sich heraussucht, auch ihn widerspiegeln. Die Erde, seine Genialität, und der Mensch, seine Güte. Mit der Heiligung (Absonderung) kommt also auch eine Verantwortung. So kam das „heilig“ im Sinne von „moralisch hochwertig“ in unseren Sprachgebrauch.
3. Wie man heilig wird
Aber – und das ist wichtig! – diese moralische Qualität ist nicht Voraussetzung für diese Absonderung. Wer sich eine Lieblingstasse „heiligt“, tut dies nicht, weil sie die vorzüglichste und beste Tasse der Welt wäre. Im Gegenteil, oft ist sie schon abgenutzt und hat Gebrauchsspuren. Warum wurde sie erwählt? Wahrscheinlich hatte sie einen emotionalen Wert und ist für die Zwecke, die man hat, genau richtig. Ich zum Beispiel heilige mir nur Tassen für meinen Kaffee, die ein Volumen von etwa 400ml fassen und den passenden Durchmesser haben. Das zeigt etwas über mich (ich trinke gerne Kaffee und zwar viel) und die Tasse hat eine Verantwortung. Dafür beschütze ich meine Tasse auch. Niemand darf meiner Tasse etwas anhaben (Eltern von kleinen Kindern wissen genau, was das in der Praxis bedeutet!). Und natürlich pflege ich sie auch – ich reinige sie und verwahre sie.
Genauso geht Gott mit seinen geheiligten Geschöpfen um.
Das Schöne ist, man muss nicht darauf warten, dass Gott einen erwählt. Denn es ist klar, dass er alle Menschen will.
„Denn er will, dass alle Menschen gerettet werden und dass sie die Wahrheit erkennen.“
Timotheus 2:4
Nun sind wir ja keine Tassen. Wir haben einen freien Willen. Das bedeutet: Gott kann uns noch so sehr erwählen, wenn wir nicht wollen, dann lässt er uns auch.
Wenn wir aber wollen, dann ist der Weg leicht: Es reicht zu wollen.
Du willst ein Heiliger sein? Du willst zu den Erwählten gehören? Dann musst du nur wissen, dass du es bisher nicht warst, dir der kommenden Verantwortung bewusst sein und sagen: „Ich will.“
Das führt mich zurück zu meinem Freund. Ich schrieb anfangs, er habe gesagt: „Nein, ich bin kein Heiliger.“ Das stimmt so nicht ganz. Denn es waren nicht seine Worte, sondern nur sein Blick, der dies verriet. Was er in Wirklichkeit auf meine Aussage „Du bist ein Heiliger“ antwortete, war: „Du auch!“
Und ich wusste, dass er recht hatte. Nicht weil ich gut wäre. Nicht weil ich annähernd der moralischen Verantwortung, die ich habe, gerecht werde. Sondern weil ich unabhängig davon abgesondert wurde, geheiligt für eine Person, für einen Gott, zu einem Zweck.
Der Rest ist Progress.
Das ist übrigens eine gute Nachricht. Auch für dich.


Sehr interessant und gut und tiefgehend geschrieben. Danke auch fuer die Zitate!
"Am Anfang war das Wort, es war bei ihm und er war das Wort." So aehnlich hab ichs in Erinnerung.
Man koennte sagen, abgeleitet von Gott und in seinem und nach seinem Bild geschaffen tragen alle Worte Bedeutung - von und zu dem heiligsten, in und aus dem heiligen, seiner Schöpfung. Vielleicht ist er nicht abgetrennt oder getrennt von der Schöpfung, sondern über ihr - sie beinhaltend aber auch darüber hinaus in unbeschreibbarer Weise?
Wenn wir also folgend der Schöpfung als im Leibe Gottes und im Bilde Gottes und den Menschen als den Tempel Gottes sehen, dann beeinflusst vielleicht jedes Wort diese Heiligtümer.
Ich glaube neben Jesus wird es schwer von menschlicher Heiligkeit zu sprechen... im Leben. Jeder macht Fehler. Manche haben Reue. Weniger zeigen sie. Noch weniger vielleicht ändern sich danach zumindest teilweise.
Bin kein Theologe. Ich glaube kirchlich gibt es verschiedene Verfahren der Heiligsprechung. Hängt manchmal glaube ich mit dem Vorliegen von kirchlich anerkannten Wundern zusammen. Diese koennte man als direktere Fügung Gottes über Menschen sehen, quasi eine Auswahl.
Steht nicht irgendwo selig sind die Unwissenden? Oder ist das eher ein Spruch? Danach würde mit mehr Wissen auch die Messlatte fuer Seligkeit steigen, geschweige denn Heiligkeit.